Gastkommentar: Warum regt sich niemand auf?
Vor knapp zehn Jahren entfachte die PISA-Studie in Deutschland eine Diskussion über die Leistungsfähigkeit des Bildungssystems, vergleichbar nur mit derjenigen in den 6oer-Jahren, die der Pädagoge Georg Picht mit seinem Begriff der „Bildungskatastrophe " angezettelt bzw. auf den Punkt gebracht hatte. PISA hatte festgestellt, dass ein Viertel der Jugendlichen die Schule ohne ausreichende Grundbildung verlässt (PISA 2001). Überraschend war dies wiederum nicht: Bereits 1996 hatte die OECD im International Adult Literacy Survey (lALS) ermittelt, dass in Deutschland 14,4 Prozent der Erwachsenen (zirka 7,7 Millionen!) lediglich das niedrigste Niveau der Lesekompetenz erreichten. Die 15-Jährigen des Jahres 2000 sind heute erwachsen. Jährlich haben seit damals bis heute zwischen 65000 und annähernd 80000 Jugendliche ohne Hauptschulabschluss und mit höchstwahrscheinlich gravierenden Mängeln im Schreiben und Rechnen die Schule verlassen. Bei einer engen Definition ist davon auszugehen, dass heute in Deutschland etwa vier Millionen Menschen (fünf Prozent der Gesamtbevölkerung) Analphabeten sind. Doch was geschah mit den Jugendlichen von damals, der „PISA-Generation"? Was ist 2010 aus ihnen geworden? Warum fragt niemand danach, warum diskutiert das niemand? Wir wissen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund seltener einen Ausbildungsplatz finden, ihr Anteil im dualen System rückläufig und ihre Abbrecherquote hoch ist. Und wir wissen, dass die Zahl der Arbeitsplätze für Ungelernte erheblich abnimmt. Bis heute ist fast die Hälfte aller Jobs, die es noch vor zehn Jahren für Menschen ohne Berufsabschluss gab, abgebaut. Wir wissen, dass wir es hier mit einer bedeutsamen Minderheit Erwachsener zu tun haben, die für berufliche und gesellschaftliche Teilnahme einer angemessenen Bildung bedürfen. Die Jugendlichen von damals sind heute zwar Adressatengruppen in der Erwachsenen- und Weiterbildung. Es ist aber hinreichend belegt, dass die Wahrscheinlichkeit der Teilnahme an einer Fortbildung mit dem Bildungsniveau steigt. Dies gilt sowohl für organisierte Weiterbildung als auch für informelle Bildung, und dies trifft auch auf andere Länder zu. Obwohl die Teilnahmequoten wieder seit einigen Jahren ansteigen (auch bei den Niedrigqualifizierten), vergrößert sich der Bildungsabstand zwischen Höher- und Geringerqualifizierten eher. Denn: Die Erkenntnis der PISA-Studie, dass das Verfehlen grundlegender Kompetenzen gleichsam sozial „ vererbt" wird, kann auch die Weiterbildung nicht aufheben. Die Hoffnung, hier könnten Nachteile aus dem Schulsystem kompensiert werden, hat sich bis heute nicht erfüllt. Dabei sind viele Aktivitäten erkennbar, diese Situation zu verbessern: Bildungsabschlüsse lassen sich nachholen bei Volkshochschulen, Abendschulen und Kollegs sowie Fernunterrichtsinstituten (etwa 180000 Teilnehmende pro Jahr). Seit einigen Jahren werden auch informell erworbene Kompetenzen erfasst(z. B. im „Profilpass") und verwertet. Projekte wie „Brücke von der Schute zur Ausbildung", „Deutsch für Personen mit Migrationshintergrund", „Elternweiterbildung" sind oft gute Ansätze, denen es jedoch an Förderung und systematischer Verbreitung fehlt. Vor allem mangelt es an einer verbindlichen Realität dessen, was mit dem Begriff „Lebenslanges Lernen "gemeint ist - an einer systematischen Vernetzung der Bildungsbereiche, die den biografischen Lernweg begleiten, unterstützen und ermöglichen: Kita, Schule, Berufliche Bildung, Hochschule, Weiterbildung. In solch einem vernetzten System könnte Weiterbildung wichtige Beiträge leisten: in der Elternbildung, der beruflichen Bildung, der Migrantenfortbildung, der Öffnung von Schule, der Fachdidaktik, dem Lernen am Arbeitsplatz und im sozialen Umfeld. Wenn unterschiedliche Bildungsbereiche sich aufeinander beziehen und über die Lernenden definieren, kann es auch nicht passieren, dass ganze Kohorten „ vergessen " werden. Man geht heute mit Blick auf ganz Europa davon aus, dass der Anteil der Menschen mit mangelnder Grundbildung perspektivisch bei einem Viertel der gesamten europäischen Bevölkerung liegt. Es wäre fatal, wenn man diese Gruppe immer wieder vernachlässigt. Und es wäre fatal, wenn sich das Bildungssystem nicht insgesamt verantwortlich für einen lebenswerten Alltag und Beruf dieser Menschen einsetzen würde. Und das möglicherweise wiederum, ohne dass sich jemand aufregt.
Autor: Prof. Dr. Dr. h.c. Ekkehard Nuissl. Er ist wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) und Professor für Erwachsenenbildung an der Universität Duisburg-Essen.







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